FERTIG, LOS!
Fertig, Los! Ein Bandname wie eine Initiativbewerbung für die Pop-Geschichtsbücher. Ungebremste Aufbruchstimmung verbreitend. Rückhaltlose jugendliche Expressivität verheißend. Manifest beherzt praktizierten Nonkonformismus’. Freilich: Die bloße Integration satztrennender bzw. -beschließender Schriftsonderzeichen macht seit den Tagen diesbezüglicher Pioniere wie Rip, Rig And Panic, Mighty Wah! und Wham! vor mehr als zwanzig Jahren aus einer überdurchschnittlich begabten Gitarrenband noch lange keine Innovationspreisträger der deutschen Phono-Akademie. Im Falle des Münchner Quartetts, um das es im Folgenden gehen soll, lässt die Wahl der Gruppenbezeichnung jedoch immerhin Rückschlüsse auf das Bedürfnis ihrer konstituierenden Mitglieder zu, der einen oder anderen Gepflogenheit des Marktes charmant aber dennoch mit allem gebotenen Nachdruck zu entsagen.

Die allgemeinen Rahmenbedingungen, unter denen der bisherige Werdegang der vier Musiker verlief, dürfen derweil auch bei näherer Betrachtung getrost als bilderbuchhaft bezeichnet werden: Nach Freundschafts- und Bekanntschaftsschließung in Grund- bzw. Fahrschule beschließen Gitarrist und Sänger Philipp Leu, Gitarrist Raphael Dwinger, Bassistin Julia Viechtl und Schlagzeuger Florian Wille im Sommer 2004, eine Band zu gründen. Die Rezension einer frühen Demo-CD in einem Münchner Stadtmagazin verschafft der Band zunächst die Aufmerksamkeit des „Blickpunkt Pop“-Labelchefs Marc Liebscher mit anschließender EP-Veröffentlichung im Juni 2006 („Den Westwind ernenn’ ich zu meinem Friseur" ) und schließlich einen Majordeal beim SONY-BMG-Label Columbia Deutschland. Die Veröffentlichung des Debütalbums „Das Herz ist ein Sammler“, das unter der Regie der Produzenten Jem (Madsen, u.a.) und Mario Thaler (Slut, The Notwist etc.) im Weilheimer Uphon-Tonstudio entstand, steht für April 2007 in den Release-Plänen. Aktuell ist die Band mit dem Song „Sie ist in mich verliebt“ von der „Westwind“-CD im Videogame „FIFA 07“ vertreten (deutsche Gruppe wählen!).
Auf den Albumtitel stieß Sänger und Texter Philipp Leu im Rahmen der Lektüre des Bodo-Kirchhoff-Romans „Parlando“. „Der Titel ‚Das Herz ist ein Sammler’ passt sehr gut zum Album, denn die Lieder sind durchweg sehr autobiographisch. Ich schreibe über die Dinge, die mir in 24 Jahren Leben passiert sind. Da kam soviel zusammen, dass es für zwölf Songs gereicht hat“, erklärt er. „Die Stücke des Albums sind Facetten von Schlüsselerlebnissen meines Umgangs mit Frauen, Trends und Rechtsradikalen.“

Auf der ersten Single-Auskopplung „Ein Geheimnis“ veranschaulicht Philipp z.B. wie ein Trend überhaupt entsteht. „Mich amüsieren diese völlig durchschaubaren Pläne von Handykonzernen oder auch Plattenfirmen, die versuchen, etwas Mysteriöses und Geheimnisvolles um ein Produkt oder eine Band aufzubauen“, erklärt er. „Da wird oft ein großer Marketingaufwand betrieben, doch dann fehlt schlichtweg die Substanz dahinter.“ Eine Immunität gegen derartige Strategien hält er jedoch weder für möglich noch erstrebenswert. „Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der dagegen gefeit ist. Ich selbst falle z. Zt. schon wieder auf so etwas rein. Ich will mir ein bestimmtes Handy kaufen, weil es toll aussieht. Obwohl ich eigentlich weiß, dass es einfach nur schlecht ist“, gesteht er. „Aber wenn man immun ist, wird man irgendwann humorlos und hat auch keinen Spaß mehr am Leben.“

Und der soll bei aller Ernsthaftigkeit der von Fertig, Los! bearbeiteten Sujets keinesfalls auf der Strecke bleiben. Vor allen bei Konzerten weiß das Quartett durch sympathische Zurückhaltung und wohltemperierten Wortwitz bei maximal ausgelebter Spielfreude stets die uneingeschränkte Entzückung aller Anwesenden auf sich zu vereinen. Eine heitere Grundstimmung, die bisweilen bös’ mit der seriösen Intention der gewählten Worte aneinander rasselt. Zum Beispiel beim Song „Ich weiß nicht, wie das ist“. „Ich werde oft belächelt, deswegen sage ich bei Konzerten nicht mehr, dass das Lied von meiner Großmutter handelt“, berichtet Philipp. „Die Reaktion ist immer ‚Ha ha ha, wie süß, der singt über seine Oma’. Es ist aber ein sehr ernstes Thema. Es ist schlimm, wenn man merkt, wie ein alter Mensch zwar noch atmet, aber nicht mehr so richtig am Leben ist. Ich erinnere mich, wie sie aktiv war und Leidenschaft hatte. Und jetzt sitzt sie den ganzen Tag vor dem Fernseher und kuckt rein und es ist egal, was läuft.“

Philipps erklärtes Lieblingsthema ist und bleibt allerdings Beziehungen und die daraus resultierenden Komplikationen. So beschreibt er in „Das bleibt hier“ die Angst des Enttäuschten vor einer neuen Beziehung („Man darf nicht der Sklave seiner eigenen Gedanken werden. Man sollte alles hinter sich lassen und jede neue Beziehung unvoreingenommen beginnen." ) und erläutert in „Erst parallel“ die Unvereinbarkeit Paar-bezogener Lebensläufe („Diese Linien laufen einfach nicht parallel. Sie trennen sich zwangsläufig, laufen zwar zeitweise zusammen, aber kreuzen sich auch nie." ) „Ich weine“, das älteste Lied des Album, entstand an jenem Tag, als Philipp von einem Mädchen den Laufpass erhielt und markiert gleichzeitig einen einschneidenden Punkt in seiner Selbstfindung als Texter. „Bis dahin hatte ich mich immer selbst zensiert, weil ich dachte: Was werden die Leute über mich denken, wenn ich so ehrlich bin? Bei diesem Lied dachte ich mir: ‚Dann scheiß’ doch drauf! Schreib es genau so, wie du es im Moment empfindest und das ist dann vielleicht das Beste.’ Ab diesem Zeitpunkt war ich mit meinen Texten zufriedener und habe sie nicht nach einem halben Jahr gehasst.“
Es ist diese besondere und v.a. bewusste Art der Themenwahl und –aufarbeitung, die das Repertoire des Quartetts - neben der ganz offensichtlichen Befähigung, brillante Melodien und Harmonien zu kreieren - auszeichnet. Eine textliche Sensibilität und Sinn für musikalische Schönheit, wie man sie vielleicht von Jens Lekman, The Feeling und den Shout Out Louds kennt, schätzt und beim allerbesten Willen nicht mehr missen möchte. Krawall und Rabatz, aufgepimpte Cheesiness und die Flucht in die Retro-Zitathölle überlassen die Münchner anderen. „In meinen Texten mache ich ganz einfach auf meine persönlichen Missstände aufmerksam. Keine Wut, sondern ein Nachdenken-und-in-Worte-fassen des inneren Gefühlslebens“, erläutert der Gitarrist und Sänger. Dass diese Ausrichtung zukünftig auch inhaltlichen Verwerfungen unterlegen sein wird, steht außer Frage: „Es kommt letzten Endes immer auf mein Privatleben an, weil sich alles daraus nährt. Mit den Themen, die ich erlebe, ändern sich auch die Texte und die Musik.“
Bei den Aufnahmen erlaubte sich die Band einen einzigen produktionstechnischen Luxus - die Verwendung eines Theremins. „Dieses Instrument ist faszinierend“, erklärt Philipp. „ Es verursacht schon eine Gänsehaut, wenn es nur im Raum steht. Es hat mich in seinen Bann gezogen, seit ich ein Exemplar im Deutschen Museum gesehen habe. Es ist eine verrückte Idee, dass man es spielen kann, ohne es zu berühren. Es ist quasi unbeherrschbar. Erst später ist mir aufgefallen, dass ich den Klang auch von einigen Platten kenne.“

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